Nur ein kleiner Gefallen

Paul Feig ist den meisten Lesern sicher durch die von ihm inszenierten Komödien der letzten Jahre bekannt. Von Brautalarm (2011) bis Spy – Susan Cooper Undercover (2015) wurden diese von Kritikern und Publikum zumeist wohlwollend aufgenommen. Einzige Ausnahme stellt seine Neuinterpretation von Ghostbusters (2016) dar. Diese sorgte nicht nur für Kontroversen, sondern blieb auch hinter den finanziellen Erwartungen des Studios zurück. Abseits seines filmischen Regiedebuts Oh je, du Fröhliche (2006) nahm die Schauspielerin Melissa McCarthy stets eine zentrale Rolle in jeder seiner Produktionen ein, sodass man sie fast als Feigs Muse bezeichnen könnte. Mit Nur ein kleiner Gefallen drehte Feig nun nach langer Zeit seinen ersten Film ohne sie. Angesichts meines persönlichen Empfindens bezüglich seiner bisherigen Werke weckte diese Entscheidung Hoffnung.

Trautes Heim, Glück allein

Stephanie Smothers, Mom-Vloggerin und alleinerziehende Mutter, kann wohl am besten mit dem Wort übermotiviert beschrieben werden. Wo es nur geht, bringt sie sich in der Schule ihres Sohnes ein. Dies geht so weit, dass man sie auffordert, nicht alle ehrenamtlichen Aufgaben in der Schule zu übernehmen, um anderen Eltern eine Teilhabe an diesen zu ermöglichen. Das eigentlich unschuldige Mauerblümchen scheint geradezu darauf hinzuarbeiten, das Klischee der „Supermom“ zu erfüllen.
Ihre Antithese stellt Emily dar. Die mit einem Erfolgsautoren verheiratete PR-Chefin eines Modeunternehmens verbringt ihre Nachmittage mit dem Schlürfen von Martinis und nimmt, im Gegensatz zu Stephanie, kein Blatt vor den Mund.
Verbunden wird das Schicksal der beiden Frauen durch ihre Söhne, die beide die gleiche Schulklasse besuchen. Eines Nachmittags verabreden sich die beiden nach der Schule zum Spielen in Emilys Villa, woraufhin die beiden Mütter ins Gespräch miteinander gezwungen werden. So sehr, wie Stephanies Verhalten Emily amüsiert, so sehr ist Stephanie fasziniert von Emilys Leben. Es scheint sich eine Freundschaft zwischen ihnen zu entwickeln.

Gone Girl

Natürlich ist Stephanie dazu bereit, ihrer neu gewonnenen Freundin ab und zu einen kleinen Gefallen zu tun. So soll sie eines Tages auch die Söhne der beiden Frauen von der Schule abholen, da Emily einen wichtigen beruflichen Termin habe. Pflichtbewusst kommt Stephanie der Aufforderung nach und wartet am Abend gemeinsam mit den Kindern in Emilys Haus auf diese. Doch sie kommt nicht.
Paul Feig spinnt aus dieser Prämisse einen Krimi, der – an vielen Stellen mit einem Augenzwinkern, bekannte Größen des Genres zitiert. Durch den Rückgriff auf bewährte Strukturen gelingt der Balanceakt zwischen den satirisch wirkenden Charakteren und der eigentlich ernst erzählten, spannenden Rahmenhandlung. Zwar ist diese für den versierten Zuschauer, auch angesichts der offensichtlichen Bezüge auf ihre bekannteren Vorbilder, in großen Teilen vorhersehbar. Doch absolute Sicherheit bezüglich dessen, was geschehen wird, tritt nie ein.

Kleider machen Leute

Dies verdankt der Film seiner Hauptfigur. Stephanie Smothers scheint zu sehr darin aufzugehen, das Leben ihrer Freundin nach deren Verschwinden zu adaptieren. Zu sehr begeistert sie sich für die zurückgelassenen Kleider und den Ehemann. Anna Kendrick treibt die Darstellung als übermotiviertes Unschuldslamm im positiven Sinne auf die Spitze. Je weiter sich ihr Charakter entwickelt, desto mehr fragt man sich, ob mit dem Auftragen der neuen Kleidung nicht die eigentliche Maske Stephanies fällt. Nicht nur hier nutzt der Film geschickt die Garderobe der Figuren um seine Geschichte zu erzählen. Modefans werden an der bloßen Fülle und Vielfalt der Kreationen ihre Freude haben. Alle werden die durch diese vermittelten Untertöne zur Kenntnis nehmen. Doch so gut Kendrick in ihre Rolle und diese in Emilys Gewänder passt, ganz weiß sie die von Blake Lively zurückgelassenen Schuhe nicht auszufüllen.

Mit Schirm, Charme & Stil

Man gewinnt den Eindruck, Feig habe Nur ein kleiner Gefallen geschaffen, um Lively eine möglichst große Bühne bieten zu können. Selbst, wenn dies nicht die Intention war: Sie nutzt diese und füllt sie mit einer Präsenz aus, wie man sie bisher von ihr noch nicht erleben durfte. Selten schaffen es Filme und Schauspieler, das Versprechen eines in Coolness getränkten Charakters die ganze Laufzeit über durchzuhalten. Doch dem Charakter der Emily verleiht sie eine Aura, welche ihresgleichen sucht. So angegossen wie die Kleider sitzt auch jeder Spruch, jedes schelmische Grinsen, jede Augenbewegung. Diese Präsenz überstrahlt den Rest des Films so sehr, dass seine wenigen emotionalen Momente kraftlos wirken. Blake Lively lässt Emily so cool wirken, dass man ihr die Momente der Zerbrechlichkeit nicht abnimmt. Ihre große Stärke schafft es so zwar, den Zuschauer in den Bann zu ziehen, verhindert aber die Vielschichtigkeit Emilys und lässt sie eindimensional erscheinen.

Nur ein kleiner Gefallen – Fazit

Mit Nur ein kleiner Gefallen präsentiert Paul Feig einen höchst stylischen Krimi mit einer faszinierenden Blake Lively, der aber aufgrund fehlender Tiefe und teilweise absehbarer Handlung höchstens unter Modefans zum Klassiker avancieren wird.

 

Ab dem 8.11. im Kino.

Beitragsbild: © StudioCanal