Die Wütenden

„Es war der schlimmste Tag meines Lebens“, sagte Stephané seinen Kollegen Gwada, nachdem er seine erste Schicht in den heruntergekommenen Plattenbauten von Clichy-Montfermeil beendete. Sein Spielfilmdebüt siedelt der junge Regisseur Ladj Ly am Schauplatz von Victor Hugos berühmten Roman „Les Misérables“ (Die Elenden), wie auch der originale Titel des Filmes ist. Im Deutschen heißt der Film „Die Wütenden“ und wird am 23.01.2020 in den Kinos starten und geht zusätzlich für Frankreich ins Oscarrennen für die Kategorie „Bester Fremdsprachiger Film“.

Die Elenden

Sein Werk schließt der Regisseur mit einem Zitat aus dem gleichnamigen Werk ab: „Merkt Euch, Freude! Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt bloß schlechte Gärtner“. In der Besprechung des Werkes ist gerade dieses Zitat, das gezielt als Statement gesetzt wurde, von Relevanz. Es stellt sich die Frage: Wer ist eigentlich der Gärtner? Grundsätzlich zeichnet Ladj Ly eine klaffende Wunde sozialer Ungerechtigkeit, eine Jugend ohne Chancen, Korruption und Gewalt – zielt dabei insbesondere auf die soziale Benachteiligung von Personen mit Migrationsintergrund.

Er wählte den Ort der von hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität geprägt ist, an dem 2005 die Unruhen und Proteste in Frankreich begannen. Auslöser für die Gewalt waren damals Gerüchte um den Tod zweier junger Menschen aus in Frankreich lebenden Immigrantenfamilien – diese wurden auf der Flucht von der Polizei, als sie ein Transformatorhäuschen überwinden wollten, tödlich von Stromschlägen getroffen.

Die jungen Darsteller des Werkes hat der Regisseur „auf der Straße gefunden“: Issa (Issa Perica) und seine Freunde, im jungen Teenageralter, schwänzen die Schule, verbringen die Tage auf der Straße und sind polizeibekannt. Sie sind verankert in einem sozialen Umfeld das durch Clans, Korruption, Armut und Kriminalität bestimmt ist. Stéphane (Damien Bonnard) erfährt während seiner ersten Streife von den Gruppierungen und Problemfeldern der Stadt, erlebt dabei von Anfang an den rauen Umgang der Kollegen auch ihm gegenüber.

Wer ist eigentlich der Gärtner?

Gewalt geht in diesem Werk in vielen Fällen von dem Polizistentrio aus, das dokumentarisch auf ihrem Einsatz begleitet wird. „Das Gesetz bin ich“, verkündet etwa Chris, die willkürlich Jugendliche drangsaliert, aufdringlich und hitzköpfig agiert. Gwada erklärt Stephané, dass er dieses Verhalten gar nicht moralisch beurteilen könne – im Gegensatz zu ihm wären Gwada und Chris bereits seit langen Jahren auf der Straße. Dramaturgisch wird aus der Dynamik der Polizei, den Jugendlichen und den „Obersten“ der Stadt – Crime Lords, die mit Korruption und Gewalt eine Machtstellung erreicht haben – eine Spirale der Gewalt und der Hoffnungslosigkeit demonstriert. Ladj Ly ist dabei in der Lage, extreme Gewaltsituationen darzustellen, die einer Verrohung der Beteiligten gleichkommt. Dabei stellt er besonders die seelische Gewalt heraus, die auf junge Menschen aus der komplexen Situation heraus einwirkt und letztendlich komplett eskaliert und zum Aufstand führt.

Eine Brücke zum Rassismus wird deutlich eröffnet, wenn der rassistische, hitzköpfige Polizist Chris auf den schwarzen Bürgermeister der Stadt trifft – und obgleich sie aneinander hassen, treffen sie Arrangements, weil sie die gegenseitige Unterstützung in diesem Komplex brauchen. Insgesamt erhält die Polizei einen sehr negativen Anstrich, doch lehnt der Regisseur gleichzeitig ab, eindeutige Schuldzuweisungen zu formulieren. Der Gärtner ist das System, in dem sie leben. Es ist die Dynamik, die aus der von Armut geprägten Situation resultiert, die er in seinem Werk hervorragend herausstellen konnte. Er hat ein Pulverfass gestellt und es zur Explosion gebracht. In diesem Werk endet jeder als Opfer, Bewohner und Polizisten zugleich, entmutigend, ernüchtern, schockierend.

Fazit

Hier führt jeder sein Leben, entsprechend seiner Hautfarbe, Religion und sozialen Klasse – obwohl wir doch immer wieder proklamieren, dass jeder die gleichen Chancen haben sollte. Das steht jedoch nur auf dem Papier. Ladj Ly hat dies in seinem dramatischen Werk deutlich demonstriert und präsentiert sich in diesem Debut persönlich und laut.

© Lily Films aus dem Film „Die Wütenden“, Deutscher Kinostart 23.10.2020