Ein Kessel Buntes – Eine Bilanz der 74. Berlinale

Am Ende war es dann doch noch ein ganz guter Wettbewerb, den Carlo Chatrian in seinem fünften und letzten Jahr als künstlerischer Leiter zusammengestellt hat. Zwar haben die ganz großen Würfe diesmal gefehlt – diese werden sich wohl wieder eher in Cannes oder Venedig findenaber es gab doch eine ganze Reihe von überzeugenden Arbeiten zu sehen. Dass sich die interessantesten Filme beim besten Willen nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen, muss dabei ja kein Nachteil sein – umso mehr konnte man sich an der großenDiversität sowohl der Themen als auch der filmischen Ausdrucksmittel erfreuen.

Ein Höhepunkt der ersten Festivaltage und für viele überraschend bei der Bärenvergabe leer ausgegangen (immerhin gab es den Preis der FIPRESCI, des internationalen Filmkritikerverbandes) war „My Favourite Cake“ von Maryam Moghadam und Behtash Sanaeeha. Das Regie-Duo erzählt darin nicht nur auf berührende Weise vom extrem kurzen Liebesglück einer 70-jährigen Witwe und eines gleichalten Taxifahrers, sondern zeichnet auch ein ehrliches Bild vom Leben im Iran, wie es der dortigen Sittenpolizei ganz und gar nicht gefällt. Ein weiterer Film der mit vergleichsweise gewöhnlichen Mitteln eine ungewöhnliche Geschichte erzählt war „A Different Man“ des amerikanischen Independent-Regisseurs Aaron Schimberg. Der mit einem Silbernen Bären für die beste Hauptrolle ausgezeichnete Sebastian Stan spielt darin einen aufstrebenden Schauspieler, der nach einer Schönheitsoperation zwar sein Traumgesicht erhält, die ersehnte Hauptrolle dann aber doch wieder verliert. Ganz nebenbei ist dies auch eine schöne Reflexion über Identität.

Sehr respektabel ist „In Liebe, Eure Hilde“, in dem Andreas Dresen die letzten Lebensmonate der WiderstandskämpferInnen Hilde und Hans Coppi (überzeugend: Liv Lisa Fries und Johannes Hegemann) seinem Thema angemessen ohne falsche Sentimentalität nachzeichnet. Letzteres gilt mindestens auch für „Sterben“, in dem Matthias Glasner das Innenleben einer deutschen Familie seziert. Nicht, dass man Ähnliches in den letzten Jahren nicht schon ein paar Mal gesehen hätte, doch die Konsequenz, mit der Glasner hier deutsche Wirklichkeit ins Bild setzt, hat ihm vollkommen zu Recht den Drehbuchpreis eingetragen.

Ein Flusspferd, das von dem Drogenbaron Pablo Escobar von Afrika nach Kolumbien gebracht wird als Erzähler das ist„Pepe“ in Nelson Carlo de los Santos Arias‘ einigermaßen verrückter Mischung aus verschiedensten Genres und Stilen, die so originell geraten ist, dass der Regiepreis gerechtfertigt ist. Kaum weniger originell ist Bruno Dumonts mit dem Preis der Jury ausgezeichneter Science-Fiction-Film „L’Empire“: Hinter der beschaulichen Fassade eines Fischerdorfes im Norden Frankeichs fechten da die Ritter zweier interplanetarer Imperien eine blutige Fehde aus. Wie sich dagegen Isabelle Huppert als Französischlehrerin im südkoreanischen Alltag zurechtfindet, das zeigt Hong San-soo in seinem unverwechselbaren Stil in „A Traveler’s Needs“. Dafür gab‘s den Großen Preis der Jury.

Dass der Goldene Bär an Mati Diops Dokumentarfilm „Dahomey“ ging, mag auf den ersten Blick überraschen, auf den zweiten aber vielleicht schon weniger, wenn man bedenkt, dass es darin um die Rückführung von 26 Kunstschätzen des Königreichs Dahomey in das heutige Benin geht. Wie schon in ihrem thematisch ähnlich gelagerten und 2019 in Cannes mit dem Jurypreis ausgezeichneten „Atlantique“ kommen auch hier wieder mysteriöse Geister ins Spiel, wodurch „Dahomey“ zu einer alles andere als gewöhnlichen Dokumentation wird – und somit die Auszeichnung in jeder Hinsicht gerechtfertigt ist.